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Barrierefreie Website: die Checkliste und der 10-Minuten-Selbsttest

Seit dem Barrierefreiheitsstärkungsgesetz verkaufen dir viele Anbieter teure Pakete gegen ein Problem, das du vermutlich gar nicht hast. Die unangenehme Wahrheit für die Angstmacher: Als Selbstständige bist du mit ziemlicher Sicherheit ausgenommen. Die zweite, ehrlichere Wahrheit: Ein Teil davon lohnt sich trotzdem – und kostet dich einen Nachmittag, nicht ein Budget.

» Musst du überhaupt? Die Rechtslage in vier Sätzen

Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz gilt seit dem 28. Juni 2025. Es betrifft bestimmte Produkte und Dienstleistungen, die sich an Verbraucherinnen richten – im Netz vor allem den elektronischen Geschäftsverkehr, also Shops und Online-Buchungen. Und es nimmt Kleinstunternehmen bei Dienstleistungen ausdrücklich aus: weniger als zehn Beschäftigte und höchstens zwei Millionen Euro Jahresumsatz oder Jahresbilanzsumme. Wenn du allein oder zu dritt arbeitest, fällst du damit fast sicher nicht darunter.

Auch eine reine Informationsseite ohne Shop und ohne Buchungsstrecke ist in der Regel nicht erfasst. Wer dir etwas anderes erzählt und dabei ein Paket verkaufen will, sollte dir erst einmal die Stelle im Gesetz zeigen.

Wichtig: Das ist eine Einordnung, keine Rechtsberatung. Wenn du einen Shop betreibst, wächst oder unsicher bist, lass es von jemandem prüfen, der dafür haftet. Die Ausnahme gilt außerdem nur für Dienstleistungen – wer Produkte herstellt oder vertreibt, wird anders behandelt.

» Der Selbsttest: zehn Minuten, keine Software

Bevor du irgendein Werkzeug installierst, mach diese fünf Dinge. Sie finden mehr echte Probleme als die meisten automatischen Prüfungen.

1. Leg die Maus weg. Öffne deine Startseite und komm nur mit der Tab-Taste durch die Seite. Erreichst du jeden Link, jeden Button, jedes Formularfeld? Und siehst du bei jedem Schritt, wo du gerade bist? Wenn der Rahmen um das aktive Element fehlt oder unsichtbar ist, ist das der häufigste Fehler überhaupt – und meistens hat ihn jemand absichtlich weggestylt, weil er „stört“.

2. Zoom auf 200 Prozent. Strg und Plus, fünfmal. Bricht das Layout? Überlappen Texte? Verschwindet die Navigation? Sehr viele Menschen surfen dauerhaft vergrößert, ohne sich für sehbehindert zu halten.

3. Klick in ein Formularfeld. Bleibt die Beschriftung sichtbar, sobald du tippst? Wenn dein Feld nur einen Platzhaltertext hatte und der beim Tippen verschwindet, weiß niemand mehr, was da hineingehört – und ein Screenreader von Anfang an nicht. Das ist einer der Gründe, warum Kontaktformulare heimlich Umsatz kosten.

4. Schau auf deine Linktexte. Steht da „hier klicken“ oder „mehr erfahren“? Screenreader lesen Links oft als Liste vor, ohne den Satz drumherum. Zwanzig Mal „mehr erfahren“ hintereinander ist genau so nützlich, wie es klingt. Warum das auch aus Verkaufssicht eine schlechte Idee ist, habe ich in „Hier klicken“ ist der dümmste Call-to-Action der Welt aufgeschrieben.

5. Denk dir die Farbe weg. Erkennst du Pflichtfelder, Fehlermeldungen und aktive Menüpunkte auch, wenn du nur Graustufen siehst? Farbe allein darf nie die einzige Information sein.

» Die Checkliste: acht Punkte, die wirklich zählen

Barrierefreiheit hat offiziell rund fünfzig Prüfkriterien. Für eine normale Selbstständigen-Website decken diese acht den weit überwiegenden Teil ab.

1. Kontrast. Fließtext braucht mindestens 4,5:1 gegenüber dem Hintergrund, große Schrift und Bedienelemente 3:1. Hellgraue Schrift auf Weiß fällt fast immer durch. Wenn du deine Farben ohnehin gerade überlegst, ist das der Moment, es gleich richtig zu machen.

2. Alt-Texte für Bilder. Beschreibe, was zu sehen ist, nicht was das Bild heißt. Rein dekorative Bilder bekommen einen leeren Alt-Text – das ist kein Versäumnis, sondern richtig.

3. Tastaturbedienbarkeit mit sichtbarem Fokus. Siehe Selbsttest. Wenn du nur einen Punkt umsetzt, dann diesen.

4. Echte Formularbeschriftungen. Jedes Feld braucht ein sichtbares Label, nicht nur einen Platzhalter.

5. Überschriften in der richtigen Reihenfolge. Eine H1 pro Seite, darunter H2, darunter H3 – ohne Sprünge. Überschriften sind Struktur, keine Schriftgröße.

6. Die Seitensprache im Code. Ein einziges Attribut im HTML sagt Vorleseprogrammen, in welcher Sprache sie sprechen sollen. Fehlt es, liest eine englische Stimme deinen deutschen Text vor. Das klingt so absurd, wie es ist.

7. Sprechende Linktexte. Der Linktext muss allein verständlich sein.

8. Bewegung, die man anhalten kann. Automatisch startende Videos, Slider und Animationen brauchen einen Weg, sie zu stoppen – und sollten sich zurückhalten, wenn im Betriebssystem „Bewegung reduzieren“ eingestellt ist.

Die Punkte 1, 2, 4 und 7 kannst du selbst erledigen, ohne eine Zeile Code anzufassen. Für 3, 5, 6 und 8 braucht es jemanden, der an die Vorlage kommt.

» Was Prüfwerkzeuge finden – und was nicht

Kostenlose Werkzeuge wie WAVE, axe DevTools oder das eingebaute Lighthouse in Chrome finden zuverlässig die technischen Punkte: fehlende Alt-Texte, schwache Kontraste, kaputte Überschriftenhierarchien, fehlende Beschriftungen. Das ist wertvoll und dauert eine Minute.

Nur: Automatische Prüfungen erwischen erfahrungsgemäß nur etwa ein Drittel der tatsächlichen Barrieren. Ein Alt-Text, in dem „Bild123.jpg“ steht, ist technisch vorhanden und trotzdem wertlos. Eine Seite kann durch jede Prüfung rauschen und mit der Tastatur unbedienbar sein. Deshalb kommt der Handtest zuerst und das Werkzeug danach.

Ich prüfe jede Seite, die ich baue, mit axe gegen die Stufe AA – auch die Seite, die du gerade liest. Bei mir ist das kein Zusatzpaket, sondern Teil der Arbeit; was in den Paketen steckt, steht offen auf der Angebotsseite.

» Der bessere Grund als das Gesetz

Wenn du rechtlich nicht musst, warum dann überhaupt? Aus drei Gründen, die alle nichts mit Paragrafen zu tun haben.

Es sind mehr Menschen, als du denkst. In Deutschland leben rund 7,9 Millionen Menschen mit einer anerkannten Schwerbehinderung. Dazu kommen alle, die schlicht älter werden: schlechteres Kontrastsehen ab etwa fünfzig, zittrige Hände, kleine Displays in hellem Sonnenlicht. Barrierefreiheit ist kein Nischenthema, sie ist Vorsorge für deine eigene Zielgruppe in zehn Jahren.

Es überschneidet sich fast vollständig mit SEO. Saubere Überschriften, sprechende Linktexte, Alt-Texte, gesetzte Sprache, schlankes HTML: Genau das brauchen Suchmaschinen auch. Und für KI-Suchen wie ChatGPT oder Perplexity gilt es doppelt, weil die überwiegend den rohen Quelltext lesen. Was strukturell sauber ausgezeichnet ist, wird verstanden. Der Rest fällt durch. Mehr dazu steht in meinem Artikel über Sichtbarkeit in KI-Antworten.

Es ist billiger als jede Nachrüstung. Beim Bauen kostet Barrierefreiheit fast nichts – es ist eine Frage der Sorgfalt, nicht des Aufwands. Nachträglich in eine fertige Seite eingebaut wird daraus ein Umbau.

» Wo du am besten anfängst

Nimm dir die zehn Minuten für den Selbsttest, bevor du irgendetwas kaufst oder beauftragst. Wahrscheinlich findest du zwei oder drei Dinge, die dich selbst stören – und die dich nichts kosten außer einem Nachmittag. Den Rest kannst du in Ruhe angehen, ohne Frist im Nacken, weil dich niemand dazu zwingt.

Und wenn ohnehin eine neue Seite ansteht: Achte darauf, dass Barrierefreiheit von Anfang an mitläuft und nicht als Zusatzposten auf dem Angebot steht. Wer sie extra berechnet, hat sie vorher weggelassen.

Häufige Fragen

Muss meine Website barrierefrei sein?

Wahrscheinlich nicht. Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz gilt seit dem 28. Juni 2025, nimmt aber Kleinstunternehmen bei Dienstleistungen ausdrücklich aus: weniger als 10 Beschäftigte und höchstens 2 Millionen Euro Jahresumsatz oder Jahresbilanzsumme. Damit fällt der Großteil der Selbstständigen nicht darunter. Auch eine reine Informationsseite ohne Shop oder Online-Buchung ist in der Regel nicht erfasst. Diese Einordnung ersetzt keine Rechtsberatung – bei Zweifeln lass es prüfen.

Wie teste ich meine Website auf Barrierefreiheit?

In zehn Minuten und ohne Zusatzsoftware: Bedien die Seite nur mit der Tab-Taste und schau, ob du überall hinkommst und immer siehst, wo du gerade bist. Zoom auf 200 Prozent und prüfe, ob das Layout hält. Klick in ein Formularfeld und schau, ob die Beschriftung sichtbar bleibt. Danach ergänzt ein kostenloses Prüfwerkzeug wie WAVE, axe DevTools oder Lighthouse die technischen Punkte, die man mit bloßem Auge nicht sieht.

Welcher Kontrast ist nötig?

Für normalen Fließtext mindestens 4,5:1 zwischen Schrift und Hintergrund. Für große Schrift ab etwa 24 Pixel und für Bedienelemente wie Buttons oder Formularrahmen reichen 3:1. Das ist der Maßstab der WCAG in Stufe AA, auf den sich auch die europäische Norm EN 301 549 bezieht. Hellgraue Schrift auf weißem Grund fällt fast immer durch.

Bringt Barrierefreiheit auch etwas für SEO?

Ja, weil sich große Teile überschneiden. Eine saubere Überschriftenhierarchie, sprechende Linktexte, Alt-Texte, eine gesetzte Seitensprache und schlankes HTML helfen Screenreadern und Suchmaschinen gleichermaßen. Für KI-Suchen gilt das besonders, weil sie überwiegend den rohen Quelltext lesen: Was strukturell klar ausgezeichnet ist, wird verstanden – der Rest fällt durch.